Axel Braun - Katalogbeitrag von Dr. Oliver Parodi

OLIVER PARODI – DIE TECHNIK MUSS... NICHT?

Die Technik … Fragt sich zunächst: Welche? Und was verstehen wir überhaupt unter „Technik“? Im vorliegenden Katalog geht es um einen künstlerischen Blick auf Wasser(kraft)anlagen, zumeist auf größere Stauhaltungen. Betrachtet man einzelne Bilder, so könnte man den Eindruck gewinnen, es gehe um Artefakte, um die Technik als Bauwerk. Aber diese Betrachtung bliebe an der Oberfläche und wäre unzeitgemäß. Möchte man heute – wenn nicht im Sinne Heideggers zum „Wesen“ der Technik [1] vorstoßen – so doch etwas Wesentliches über Technik aussagen, dann kommt man nicht umhin, den Blick zu heben und Technik zumindest als ökosoziotechnische Systeme aufzufassen. [2] [3]

AUSDIFFERENZIERUNG: MANNIGFALTIGE BEZÜGE DER WASSERKRAFTANLAGEN

Im Lichte unseres ausdifferenzierten Wissensapparats zeigen sich mannigfaltige Bezüge der Wasserkraftanlagen in unterschiedliche Richtungen. Zunächst rein technische: Wasserkraftanlagen sind beispielsweise eingebunden in fragile Stromnetze, kommunizieren mit anderen Kraftwerken. Fällt eine Großanlage zu Zeiten von Verbrauchsspitzen komplett aus, ist unter Umständen die Versorgung mit Strom einer ganzen Region gefährdet. Zweitens technikhistorische Bezüge: Wasserbau war eine der ersten Großtechniken und gilt als Kristallisationskeim der frühen Hochkulturen. [4] Kulturhistorische: In den Techniken spiegeln sich bis in die Bauwerke teils jahrhundertealte kulturelle Wert- und Weltvorstellungen wider. Techniken sind gleichsam auch vergesellschaftete und institutionalisierte Antworten auf Fragen nach der Stellung des Menschen im Kosmos oder nach dem rechten Umgang mit der Natur. [5] Rechtlich-soziale Fragen: Wie sind Erstellung und Betrieb rechtlich geregelt? Wer profitiert von, wer leidet unter der Anlage? Wurden Menschen wegen des Baus der Stauseen vertrieben oder geschädigt? Was in Deutschland zu Wohl und Wohlstand beiträgt, kann anderswo auf der Welt großes Leid erzeugen. Ökologische, ökonomische, gesundheitliche, ethische Aspekte – die Reihe der Bezüge ließe sich beliebig fortsetzen. Versucht man diese zusammenzudenken, dann zeigt sich ein unübersichtliches, bestenfalls ein komplexes Gesamtbild.
Was aber zeigt uns nun dieses umfassende Bild von der Technik im Allgemeinen, von den Bezügen der Wasserkraftanlagen im Speziellen? Zunächst bewahrt es uns vor vorschnellen Urteilen und Verurteilungen.
Wasserkraft ist ... der Ingenieur, der Betreiber, der Verbraucher, der Naturschützer, ursächlich oder schuld. Des Weiteren eröffnet es uns die Möglichkeit, bessere, in viele Richtungen angemessene Techniken auf Höhe unseres Erkenntnishorizonts zu entwickeln und zu implementieren, und damit Technik menschlicher zu gestalten. Und, nähmen wir unsere vielfältigen Erkenntnisse gar wirklich ernst, so würden Entscheidungen über (neue) Techniken erheblich schwieriger. Die Erstellung und Interpretation des Gesamtbildes würde sogar zu etwas führen, dass fern jenes Vollzugs von Technik liegt, wie wir ihn heute kennen, dass aber umso dringender ansteht: zur Entschleunigung. Dem Entscheiden würde eine lange Phase des Betrachtens, des Räsonierens und Abwägens, des Zusammendenkens und Verständigens, bestenfalls des tiefschürfenden „Erkennens und Verstehens“ [6] vorausgehen. Nun klingt die Hoffnung auf Entschleunigung angesichts einer globalen Entwicklung, die ins humane Elend läuft und dringend des Umlenkens bedarf, vielleicht zynisch. Dennoch, auch wenn wir diesem klassisch tragischen Motiv der Selbstverstrickung nicht gänzlich entkommen mögen, so dürfte doch noch genug Zeit bleiben, zumindest diesen Katalog von vorne bis hinten zu betrachten. Und, so lautet zumindest mein Plädoyer, die Bilder in Bezug zueinander zu setzen: die Badische Quellschnecke (Abb. 40 [im Katalog]) das Vajont-Tal (Abb. 30 [im Katalog]) hinauf über das illuminierte Koepchenwerk (Abb. 05 [im Katalog]) bis in den 18. Stock des City Hochhaus Leipzig (Abb. 27 [im Katalog]) – dem Sitz der europäischen Energiebörse – kriechen zu lassen. So viel Zeit muss sein, bevor wir wieder Neues in die Welt setzen.

LEBENSWELT WIRD DURCH TECHNISCHE VERÄNDERUNG ZUM TECHNOTOP.

Zurück zur Technik. Längst ist sie tief in unseren Alltag eingedrungen, umgibt uns, nährt uns, liegt unserem Lebensvollzug zugrunde – oft unbemerkt. Wir leben in einem Technotop [7], in einer vor allem technischen und technisch veränderten Lebenswelt. [8] Insbesondere unsere Strom- und Wasserversorgungen sind klassische Infrastrukturen – in mehrfachem Sinne. Sie bieten technisch die Basis für diverse Nutzungsformen, bilden die Lebensadern unserer modernen Industrieund Wissensgesellschaft, verlaufen oft unterhalb der Oberfläche im Verborgenen und sind über die Jahrhunderte tief in unser kulturelles Selbstverständnis eingesickert. Dieses ‚Infra’, das Grundlegende, Selbstverständliche und Normale von Technik birgt auch Gefahren, insbesondere dann, wenn die Technik selbst aus dem Blick gerät, unserer Wahrnehmung entschwindet. Sei dies artefaktisch, dass sie physisch verborgen wirkt, oder aber, dass sie als Menschenwerk oder als tradiertes Werk von arbeitsteiligen Gesellschaften in Vergessenheit gerät. Im ersten Fall geraten die Mühen, Errungenschaften und Gefahren der Technik aus dem Blick. Damit stehen zunächst die Technik selbst und in Folge dessen ein reibungsloser Alltag, die öffentliche Ordnung oder mitunter auch Menschenleben auf dem Spiel. [9] Im zweiten Falle indes wird es grundsätzlich, wesentlich. Dann entzieht sich Technik nämlich
letztlich unserem Zugriff, entschwindet ins Reich der Mythen und taucht, je nach Blickwinkel, als technokratisches System, Chimäre oder Heilsbringer, jedenfalls als übermenschliches Schicksal wieder auf. Mit dieser Alternativlosigkeit von Technik steht letztlich der Mensch, zumindest aber stehen demokratische Gesellschaften auf dem Spiel.

KUNST ERÖFFNET NEUE BLICKWINKEL: SIE IRRITIERT UND BEWEGT UNS.

Um Technik nicht diesem Infra anheim fallen zu lassen, sie immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, bedarf es präventiv umsichtiger Ingenieurskunst sowie begleitend sensibler Erkenntnisunternehmungen wie der Ethik, Technikphilosophie und … der Kunst. In ihrer Individualität und Sensibilität kann uns Kunst immer wieder neue Blickwinkel auf Technik eröffnen, uns irritieren, bewegen und aus der Normalität reißen. Sie bietet Anlass zum Um- oder Weiterdenken. Außerdem verschafft sie im Darstellen und Ausstellen den Techniken eine (sekundäre) Öffentlichkeit, die Meinungen und Debatten anstößt und Raum für demokratische Entscheidungen eröffnet. Mit der Gabe der Durchdringung und Darstellung hilft sie uns, sehend entscheiden zu können, mit welcher Technik wir uns umgeben möchten und mit welcher nicht.
Die Technik muss grausam sein, wenn sie sich durchsetzen will. Dieser Slogan kommt uns heute sonderbar fremd vor, bringt aber überspitzt ein starkes Motiv einer Weltsicht zum Ausdruck, die Technik seit der Antike bis heute begleitet. Es geht um Technik als Gegenbegriff oder Gegenentwurf zur Natur. Es geht um den Kampf der Zivilisation gegen Wildnis und Barbarei, den greifbaren Triumph der Ordnung im Chaos – mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Nicht immer waren es übrigens Ingenieure, die einer solch einseitigen Sicht anhingen. [10] Und, die Formulierung lässt fast vermuten, dass das „Grausam-sein-müssen“ auch hier mit einem leichten Widerwillen formuliert wurde: Man muss eben, hat keine andere Wahl, man würde ja gerne anders. Selbstredend hängt der Umgang der Menschen mit ihrer Umgebung mittels unterschiedlicher Techniken auch vom Möglichen, vom Wissenstand und der technischen Potenz und Entwicklungshöhe ab – aber eben auch fundamental von der Haltung der Menschen zu ihrer Umwelt, Mitwelt und Nachwelt. Wie sieht er sich, wie setzt sich der Mensch in Beziehung zu seiner Umgebung? Erkennt er sich als Teil eines Ganzen, als Krone der Schöpfung, als Mängelwesen, oder stellt er sich außerhalb der Natur? Je nachdem erhält auch die Technik andere Züge und Formen. Wenn man genau hinschaut, kann man dies den Wasserbauwerken
auch ansehen.

REDEN ODER GEREDE – WIRD DIE TECHNIK RHETORISCHEN ANSPRÜCHEN GERECHT?

Heute muss Wasserbautechnik eher smart sein, sanft, naturnah, ökoverträglich – und nachhaltig. Nur allzu oft entpuppen sich die Reden über die Technik dann aber doch lediglich als Gerede, wird die Technik den rhetorischen Ansprüchen nicht gerecht. Sucht man nach Gründen, findet man derer viele. Sie reichen von der bewussten und beabsichtigten Täuschung über sich wandelnde ökonomische, (energie-)politische oder ökologische Rahmenbedingungen bis hin zu Fehleinschätzungen, technischen Mängeln und Unvorhersehbarem. Letzteres sei unbenommen.
Zwei Beispiele dokumentieren meiner Ansicht nach die Diskrepanz zwischen Rhetorik und ökologischer Realität.
Erstens: Um die Wanderung von einigen Fischarten entlang der Fließgewässer trotz Stauanlagen wieder zu ermöglichen, wurden und werden unter hohem finanziellen Aufwand Fischtreppen eingebaut oder nachgerüstet. Leider funktionieren viele dieser Fischtreppen nicht oder nur eingeschränkt. Eine Mehrzahl der Fische stromaufwärts nimmt sie nicht an. Stromabwärts wandernde Fische wiederum verenden nach wie vor in großen Mengen in den Turbinen oder den vorgeschalteten Fangvorrichtungen. Die moderne Fischtreppe bleibt meist rhetorisch und steht im Kontrast zur ökologischen Realität.
Zweitens: Wasserkraft aus Stauhaltungen wird häufig als absolut klimaschonende Form der Energieumwandlung [11] dargestellt. Dies gilt nicht immer. Gerade in wärmeren Regionen und an nährstoffreicheren Gewässern können in den Stauhaltungen Gase entstehen, die das Klima mehr beeinträchtigen als es die mengengleiche Stromproduktion herkömmlicher Kohlekraftwerke tut. Beide Beispiele sprechen im Grunde Detailprobleme von Wasserkraftanlagen an, allerdings entscheidende, geht es um Öko- oder Klimaverträglichkeit. Ja, auch bei den Folgen und Nebenfolgen von Technik steckt der Teufel oft im Detail. Gewichtig werden diese Detailfragen dann bei Großtechnologien, wie es Wasserkraftanlagen sind, greifen diese doch tief in bestehende Systeme ein. Erahnen kann man an den beiden Beispielen auch die hohe Komplexität der Planung und Nutzung von Wasserkraftanlagen. Nun können wir uns erst mit dieser Komplexität auseinandersetzen, wenn wir sie als solche wahrgenommen und erkannt haben.
Die Planer in den 1920er Jahren mussten sich nicht um Klimaverträglichkeit ihrer Stauhaltungen scheren – und weit weniger um Fischtreppen, Bürgerbeteiligung oder energiepolitische Weichenstellungen. Die Komplexität nimmt zu. Das ist einerseits problematisch, andererseits, von einem ethischen Standpunkt aus, auch gut so. Denn steigende Komplexität zeugt von einem sich weitenden Horizont der Erkenntnis und der Moral. Wir wissen mehr und achten mehr. Mehr noch ist Komplexität der erste erkennende Schritt, eine fragmentierte und auseinander driftende Welt wieder zusammenzudenken. Das (rationale) Maximum dieser Horizontweitung und Konsistenzbemühung findet man heute in der ernsthaften Forderung einer nachhaltigen Entwicklung.

DER BEGRIFF NACHHALTIGKEIT WIRD DER BELIEBIGKEIT PREISGEGEBEN.

Unter dem Primat der Gerechtigkeit und durch die Achtung der Bedürfnisse kommender Generationen, werden vor dem Hintergrund des heute erlangten Wissenstandes der Betrachtungshorizont, das Zusammendenken von Sachverhalten und der moralische Horizont zeitlich wie perspektivisch gedehnt.
Das hat mitunter die Konsequenz, dass Bewertungen und Entscheidungen mit dem Anspruch auf Nachhaltigkeit vor lauter Komplexität kaum mehr zu treffen sind. Das kann auch bedeuten, dass das hehre Ansinnen „Nachhaltigkeit“ der Beliebigkeit preisgegeben wird: Plötzlich ist es möglich, alles und nichts „nachhaltig“ zu nennen.
Ob derweil eine Wasserkraftanlage einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten kann? Zumindest spricht per se nichts dagegen. Ernsthaft lässt sich das aber nur im Einzelfall durch eine genaue und mühsame Bestandsaufnahme unter Zuhilfenahme einer ausgefeilten Nachhaltigkeitskonzeption feststellen – und das nur vorläufig. Und dennoch, was Planer und Betreiber heute an den Rande des Wahnsinns treibt, Wissenschaft und Politik vor kaum lösbare Aufgaben stellt, hält den Schlüssel für eine (auch) künftig lebenswerte Zukunft bereit. So wäre es meines Erachtens fatal, den Anspruch auf Nachhaltigkeit fallen zu lassen, nur weil er heute noch nicht en détail erfüllbar ist. Man sollte sich vielmehr der Größe und Tragweite der Aufgabe bewusst sein. Eine realisierte nachhaltige Lebensweise wäre nichts weniger als eine Kulturrevolution und ein neuer Meilenstein in der Menschheitsgeschichte.
Das entlastet – auch die Planer und Betreiber. Gilt es doch, Nachhaltigkeit als Erkenntnisweg und Lebenshaltung auszuprobieren, sich auf sie einzulassen und über sie zu verständigen, und dann: sie schlicht zu üben. Bei allem Nachdenken, Zusammendenken, Planen und Abwägen aber, vergessen wir nicht, uns gebührend der Kunst zu widmen. Hilft sie uns doch, Technik als menschliche Äußerung, beziehungsweise als Äußerung unserer mängelbehafteten Menschlichkeit zu verstehen. Des Weiteren hält sie mit Zwecklosigkeit, Kritik, Individualität, Sinnlichkeit, Schönheit und Freude wesentliche Elemente vor, um uns in unserem künftigen ökonatürlichen, soziokulturellen und auch technischen Gefüge umsichtig und lebenswert einzurichten.

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1 – Vgl. Heidegger, Martin: Die Technik und die Kehre. Pfullingen 1962
2 – Vgl. Ropohl, Günter: Allgemeine Technologie. Eine Systemtheorie der Technik. München 1999
3 – Vgl. Lenk, Hans / Maring, Matthias: Natur – Umwelt – Ethik. Münster 2003
4 – So entwirft Karl August Wittfogel schon seit den frühen 1930er Jahren das Bild einer „hydraulischen Gesellschaft“. (Vgl. Wittfogel, Karl August: Die orientalische Despotie. Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht. Köln 1962)
5 – Vgl. Parodi, Oliver: Technik am Fluss. Philosophische und kulturwissenschaftliche Betrachtungen zum Wasserbau als kulturelle Unternehmung. München 2008
6 – Vgl. Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen 1960
7 – Vgl. Erlach, Klaus: Das Technotop. Die technologische Konstruktion der Wirklichkeit. Münster 2000
8 – Dieser Fakt unterstreicht die Dringlichkeit ‚natur’-schützerischer Ambitionen, entlarvt aber auch ihre Naivität und oft romantisch rückwärts gerichtete Haltung.
9 – So dürften die wahren Helden des Alltags heute die Scharen an Technikern und Wartungsteams sein, die unsere Infrastrukturen am Laufen halten. Es wäre wert und nicht übertrieben, ihnen den Friedensnobelpreis oder einen Menschenrechtspreis zu verleihen.
10 – „Die Technik muss grausam sein, wenn sie sich durchsetzen will. Sie kann aber in vielen Fällen auch lindern und Pietät vor der Reinheit der Natur bewahren.“ 1928 in der (Partei-)Zeitung „Vorwärts“ – Autor unbekannt (vgl. Abb. 10 [im Katalog])
11 – Üblicherweise wird von „Energiegewinnung“ oder „Energieerzeugung“ gesprochen. Diese Formulierungen zeugen von einem anthropozentrischen, der Natur enthobenen Standpunkt. Aus naturnah physikalischer Sicht hingegen werden die natürlich vorhandenen Energien bloß in eine dem Menschen nutzbringende Form umgewandelt. Keinesfalls aber wäre der Mensch in der
Lage Energie zu erzeugen.

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Dr. Oliver Parodi (KIT – Karlsruher Institut für Technologie)
Erschienen im Ausstellungskatalog
"Axel Braun – Die Technik muss grausam sein, wenn sie sich durchsetzen will."
Herausgeber: RWE Stiftung, Essen, 2012

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